Januar 5, 2009...2:54

Sonja Haug: Soziales Kapital (Rezension)

Wie definiert man Soziales Kapital?

Soziales Kapital die Menge der Ressourcen, die in Familienbeziehungen und sozialer Organisation der Gemeinschaft enthalten sind und die kognitive oder soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen fördern. D.h. individuelle Kompetenzen und der soziale Kontext bestimmen den wirtschaftlichen Erfolg. (Glenn Loury)

Humankapital sind die Knoten in einer Netzwerkstruktur mehrerer Individuen. Soziales Kapital sitzt in den Beziehungen, die zwischen den Personen bestehen. Die Handlungsstrukturen auf der Makro-Ebene beeinflussen über Mechanismen wie das Zusammenspiel von Ressourcenausstattung, Kontrolle und Interesse die Handlungen der Individuen auf der Mikro-Ebene. Soziales Kapital kann als individuelles Merkmal, das je nach Situation variiert, eine Rolle spielen. Es wird über seine Funktion definiert. Es gibt mehrere Formen von sozialem Kapital: Verpflichtungen und Erwartungen, Informationspotenzial, Normen und wirksame Sanktionen, Herrschaftsbeziehungen, übereignungsfähige soziale Organisationen und zielgerichtete Organisationen. (James Coleman)

Soziales Kapital sind also Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen. Der Umfang des sozialen Kapitals hängt davon ab, wie ausgedehnt das Netz der tatsächlich mobilisierbaren Beziehungen ist und vom ökonomischen, kulturellen oder symbolischen Kapital der damit erreichbaren Personen. Nur auf der Grundlage von materiellen oder symbolischen Tauschbeziehungen, zu deren Aufrechterhaltung sie wiederum beitragen, können Sozialkapitalbeziehungen überhaupt existieren. (Pierre Bourdieu)

Die Erträge aus dem Sozialkapital können in Form materieller wie immaterieller Profite und über kurze oder lange Zeiträume erfolgen. Der Ertrag ist umso größer, desto größer das bereits akkumulierte Kapital ist. Es besteht die Gefahr des Missbrauchs und der Zweckentfremdung. Ökonomisches Kapital liegt allen anderen Kapitalarten zugrunde, aber die transformierten Erscheinungsformen sind nicht vollständig darauf zu reduzieren. Die Umwandlung von ökonomischen in kulturelles wie auch in soziales Kapital setzt eine Investition in Austauschbeziehungen voraus, die vor allem Arbeit bedeutet. Dabei treten neben Kosten auch Umwandlungsverluste ein.

In funktionierenden Nachbarschaften ist auch ein gemeinsames Vorgehen zur Durchsetzung der Interessen der dort lebenden Bevölkerung wahrscheinlicher als in instabilen, beziehungslosen, monofunktionalen Vierteln. Dieses kollektive Handeln wird durch ein Gemeinschaftsgefühl der in einem Bezirk lebenden Personen ermöglicht. Soziales Kapital können auch als Beziehungsnetzwerke in der Nachbarschaft verstanden werden. Durch Stadtplanung kann diese Art von sozialem Kapital gefördert oder zerstört werden. (Jane Jacobs)

Soziales Kapital sind soziale Beziehungen, geteilte Normen und Vertrauen. (Robert Putnam) Außerdem ist es eine Art soft solution (Bates) für verschiedene Versionen des Dilemmas des kollektiven Handelns. Benutzt man diese beiden Definitionen entstehen freiwillige Kooperationen eher in einer Gemeinschaft mit hohem sozialem Kapital. Trittbrettfahren wird durch Auswahl der Mitglieder in einem sozialen Beziehungsnetz nach ihrer Reputation vermindert. Das Risiko wird durch strenge Normen und dichte Netzwerke gegenseitiger Reziprozität minimiert, so dass sich Kooperation lohnt. Reziprozitätsnormen können entstehen, weil sie Transaktionskosten senken und Kooperation erleichtern (balancierter / generalisierter Tausch). Netzwerke zivilen Engagements repräsentieren horizontale Interaktionsbeziehungen, erhöhen die potenziellen Kosten der Defektion, fördern Normen der Normen der Reziprozität, erleichtern den Informationsfluss über die Vertrauenswürdigkeit der Individuen & verkörpern die Erfolge früherer Kooperationsakte

Bei der Wahl zwischen Handlungsalternativen wird nach Bedürfnissen und Ressourcen entschieden, wobei für verschiedene Gruppen unterschiedliche Mittel d.h. Ressourcen zur Verfügung stehen. Wie in der vorhergehenden Rezension detailierter dargestellt, definiert Henk Flap soziales Kapital als das Potenzial an Kooperationspartnern innerhalb des Netzwerkes, die Qualität dieser Beziehungen und deren Ressourcen.

Ähnlich versteht auch Ronald Burt soziales Kapital als Zugriffsmöglichkeit auf eine Ressource, eine innerhalb einer Interaktion vorhandene Ressource, die beiden Akteuren zugänglich ist. Soziales Kapital spielt bei allen Handlungen eine wichtige Rolle, da nie perfekte Marktbedingungen herrschen und immer soziale Beziehungsnetze in die soziale Produktionsfunktion einbezogen werden müssen.

Eine letzte Definition stammt von Alejandro Portes, demnach ist die Fähigkeit soziales Kapital zu erhalten eine Eigenschaft des Sets an Beziehungen mit anderen und resultiert aus positiven ökonomischen Effekten, die sich aus sozialen Strukturen ergeben. Es schränkt das Individuum jedoch auch ein. Typen von sozialem Kapital sind Werte, Solidarität, Reziprozität und erzwingbares Vertrauen.

Welche Gemeinsamkeit haben all diese Definitionen?

Allen Definitionen ist gemeinsam, dass soziales Kapital keine angeborene Eigenschaft ist. Soziales Kapital wird im Laufe der Sozialisation erworben. Es unterliegt Schwankungen hinsichtlich des Netzwerkes an Beziehungen, dass notwendig ist, um sein soziales Kapital aufrechtzuerhalten. In jedem Falle ist es nützlich, sich seines sozialen Kapitals bewusst zu sein. Die sogenannten soft skills sind und werden vielleicht zukünftig immer mehr zählen als zertifizierte Abschlüsse.