Mai 3, 2009...11:29

Nichts ist mehr, wie es war

Quelle: www.faz.net Text: Lisa Zeitz am 02.Mai 2009

Das großartige Selbstporträt des verkaterten Martin Kippenberger auf dem Cover des Sotheby’s-Katalogs für die New Yorker Abendauktion am 12. Mai lässt sich als ironischer Kommentar zur Lage lesen: Die Party ist vorbei, es lebe der Antiheld. Die Auktion zeitgenössischer Kunst bei Sotheby’s umfasst 49 Lose und ist auf rund 52 bis 72 Millionen Dollar geschätzt; das bedeutet einen krassen Unterschied zur Frühjahrsauktion 2008, als hier 83 Lose für 362 Millionen Dollar verkauft wurden und Sotheby’s damit das beste Ergebnis in der Geschichte des Hauses feiern konnte.

Kürzlich hat das Auktionshaus erklärt, dass die weltweit 1700 Mitarbeiter nach einer Entlassungswelle von fünfzehn Prozent dieses Jahr noch einmal um fünf Prozent reduziert werden. Christie’s erwartet am 13. Mai für 54 Lose 71 bis 104 Millionen Dollar, das sind nur drei Lose weniger als im vergangenen Mai, aber der Umsatz wird nur noch auf rund ein Drittel angesetzt. Während es schwieriger geworden ist, die Auktionskataloge zu bestücken, haben sowohl Sotheby’s als auch Christie’s verlauten lassen, dass sich das Geschäft mit „Privates Sales“ in den vergangenen Monaten mehr als verdoppelt habe.

Ohne Hirst, Prince und Murakami

Werke von Takashi Murakami, Krankenschwestern von Richard Prince oder Butterfly-Paintings von Damien Hirst sucht man in den Abendkatalogen jetzt übrigens vergeblich, dafür gibt es grandiose Arbeiten von Dan Flavin, Robert Rauschenberg, Gerhard Richter, Yayoi Kusama, Robert Gober und Richard Diebenkorn. Den größten Fang hat Christie’s mit der Einlieferung von Werken aus der Sammlung von Betty Freeman gemacht, die im Januar im Alter von 87 Jahren gestorben ist.

„Medici of Modern Music“ wurde die kalifornische Mäzenin genannt, die Komponisten wie Steve Reich, John Cage und La Monte Young unterstützte und ihr Haus in Beverly Hills nicht nur akustisch mit der Avantgarde ihrer Zeit füllte. Sie sammelte Werke von Rothko, Sam Francis und Clifford Still, später kamen Arbeiten von ihrem Lieblingskünstler Dan Flavin, von Bruce Nauman und Douglas Wheeler hinzu, außerdem Claes Oldenburgs überdimensionaler „Typewriter Eraser“ und Warhols buntes Porträt von Man Ray aus dem Jahr 1977.

Betty Freeman als „Houswife“

Als David Hockney zu Besuch kam, wollte er eigentlich Betty Freemans Pool malen. Es entstand aber 1966/67 das Diptychon mit dem schelmischen Titel „Beverly Hills Housewife“, auf dem die Hausherrin im Innenhof ihrer modernen Villa verharrt. Mit einer Taxe von sieben bis zehn Millionen Dollar soll nun der bisherige Höchstpreis für Hockney bei weitem übertroffen werden.

Auch Lichtensteins „Frolic“ von 1977 kommt aus der Freeman-Collection, eine Pop-Paraphrase von Picassos ballspielender Badenixe. Zusammen sollen die zwanzig Arbeiten aus der Freeman-Sammlung, denen ein eigener Katalog gewidmet ist, rund dreißig Millionen Dollar einspielen.

Andy Warhols „Last Supper“

Aus einer europäischen Privatkollektion stammt Basquiats Gemälde „Mater“, auf dem krude Striche eine Figur mit Strahlenkranz umschreiben, die an die Freiheitsstatue erinnert. Ein weiterer Höhepunkt ist Warhols fast neun Meter breites „Last Supper (Camel/57)“, das Leonardos Abendmahl mit Reklamesymbolen verbindet.

Das Montclair Art Museum in New Jersey, das wie die meisten amerikanischen Museen akut unter der Wirtschaftskrise zu leiden hat, trennt sich von Teilen seiner Sammlung, um den Gewinn für Kunstkäufe zu verwenden. Christie’s versteigert eine Arbeit auf Papier von Pollock aus dem Jahr 1951, die aufgrund ihrer Lichtempfindlichkeit ohnehin nicht oft im Museum gezeigt werden konnte.

Kippenberger als Antiheld

Zu den Spitzenlosen bei Sotheby’s gehört ein Gemälde von Martin Kippenberger. Der Künstler wird noch bis zum 11. Mai mit einer Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art geehrt. Das ergreifende Selbstporträt von 1988 zeigt ihn in unschön buckliger Haltung als räudigen Antiheld mit Bierbauch, in riesiger weißer Unterhose und mit zwei Luftballons. Der griechische Industrielle Dakis Joannou hat das Bild 1994 in der Luhring Augustine Gallery in New York gekauft.

Nun hat Sotheby’s ihm für seine Einlieferung eine Garantie von angeblich mindestens drei Millionen Dollar gegeben. Die Taxe steht bei 3,5 bis 4,5 Millionen Dollar – damit rund dreimal so hoch wie Kippenbergers bisheriger Auktionsrekord. Das Symbol des „Irrevocable Bid“ zeigt außerdem an, dass ein gültiges Gebot schon vertraglich festgehalten wurde, so dass die Garantie kein Risiko mehr birgt. An diesem Abend gibt es noch ein weiteres Werk von Kippenberger: „Wie komme ich in Kriegszeiten mit Knochenbruch und Futurismus klar“ in Öl und Metallfarbe auf sechs Tafeln verdient, schon wegen des Titels, die Taxe von 800.000 bis 1,2 Millionen Dollar.

„Baroque Egg“ von Koons

Das teuerste Los des Abends bei Sotheby’s ist Koons’ „Baroque Egg with Bow (Turquoise/Magenta)“ mit einer Schätzung von sechs bis acht Millionen Dollar. Bis vor wenigen Wochen sah man es in der Neuen Nationalgalerie in Berlin: als Leihgabe aus der Sammlung des New Yorker Hedge-Fonds-Managers Daniel Loeb und seiner Frau Margaret. Das rund zwei Meter hohe Osterei ist dekorativ verpackt in krumpeliger Alufolie mit glänzender Schleife und stammt aus der „Celebration“-Serie, aus der der ukrainische Milliardär Viktor Pinchuk 2007 die eineinhalb Tonnen schwere Skulptur „Hanging Heart (Magenta/Gold)“ für den Rekordpreis von 21 Millionen Dollar ersteigerte.

Aus einer europäischen Privatsammlung wird eine unbetitelte Bienenwachsskulptur von Robert Gober eingeliefert: Der verkürzte männliche Torso von hinten zeigt einen blassen, haarigen Po, über den sich Musiknoten ziehen, so wie Gober es auf einem Detail in Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“ entdeckt hat.

Gober bei Phillips de Pury

Die gleiche Taxe trägt Gobers Skulptur „Untitled“ der Jahre 1993/94, die am nächsten Abend bei Phillips de Pury unter den Hammer kommt. Gober hat eine Schachtel Frühstücksflocken der Marke Farina in monumentaler Größe nachgebaut.

Neben Werken von Gursky, Trockel, Kiefer, Baldessari, Kelley, Kapoor und Grotjahn wird bei Phillips auch wieder chinesische Malerei aus den letzten vier Jahren aufgerufen, etwa Wang Guangyi mit „Porsche“, Yue Minjun mit seinen breit grinsenden Männern „Backyard Garden“ und Feng Zhengjie mit „Chinese Portrait L Series 2006“. Insgesamt versteigert Phillips an diesem Abend 43 Lose für geschätzte zwölf bis siebzehn Millionen Dollar, während 2008 noch 64 Lose 59 Millionen Dollar Umsatz brachten.