Literatur und weitere Texte: http://www.chass.utoronto.ca/~wellman/; sowie Keupp/Röhrle (Hrsg.) 1987: Social Networks, Frankfurt/ New York; Bourdieu, Pierre (1983): Ökonomisches Kapital – Kulturelles Kapital – Soziales Kapital. In: Kreckel, Reinhard (Hg.): Soziale Ungleichheiten, Göttingen, S. 183-198
Heute haben sich die historisch institutionellen und normativen Verhaltensregeln nahezu aufgelöst. Jeder Mensch kann situativ individuell handeln. Die Situationen sind offen – es findet immer wieder ein Aushandlungsprozess statt. Ebenso initiiert der Mensch seine Kontakt-, Bekanntschafts-, Freundschafts- und Nachbarschaftsbeziehungen. Grundsätzlich ist er aber abhängig von den sozialen und gesellschaftlichen Strukturen um ihn herum.
Die Handlungsmöglichkeiten einer Person hängen demnach von ihrer Fähigkeit ab, für sich spezifische Ressourcen zu mobilisieren. Dazu ist es notwendig ständig an seiner Beziehung zum anderen zu arbeiten, einen gemeinsamen Erfahrungsschatz zu konstruieren, ihm Gefälligkeiten entgegen zu bringen und sich gegenseitige Anerkennung zu verschaffen. Erst dann kann sich Ego sein soziales Kapital nutzbar machen und eine Form der Hilfeleistung fordern. Die Möglichkeiten des Einzelnen sind also sehr unterschiedlich. Das vorhandene Potenzial wird meist nicht voll ausgeschöpft, da die Aufrechterhaltung einer guten Beziehung viel Zeit kostet. (Keupp/Röhrle 1987, S. 38ff.)
„Das Sozialkapital ist die Gesamtheit der aktuellen und potenziellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind; oder anders ausgedrückt, es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen“ (Bourdieu 1983, S. 190, Hervorhebung im Original)
Nicht außer Acht gelassen werden dürfen aber auch die personalen Dispositionen von Personen, die einerseits vielleicht nicht ermöglichen soziales Kapital zu erkennen und nutzbar zu machen oder andererseits es gar nicht nötig erscheinen lassen, sich auf die Hilfe anderer in besonderem Ausmaß zu verlassen. ( Keupp/Röhrle 1987, S. 40)
Barry Wellman erforscht am Centre for Urban and Community Studies der Universität von Toronto seit vielen Jahren soziale Netzwerke als Basis für interpersonale Ressourcen. Ausgehend von der Fragestellung, wohin sich Nordamerikaner wenden, wenn sie Hilfe benötigen.
Wellman beginnt mit folgenden Überlegungen: Man könnte sich jede Art von Hilfe erkaufen. Der Markt ist vorhanden. Aber vielleicht erscheint der Preis zu hoch und die Dienstleistung nicht absolut diejenige, die man sich erhofft. Man könnte institutionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Aber das mag manchem unangenehm sein oder er ist womöglich nicht in der Lage sich mit der Bürokratie auseinander zu setzen. Man könnte sich die Hilfeleistung erzwingen. Jedoch ist auf diese Weise nicht jegliche soziale Unterstützung zu erlangen. Außerdem würde die soziale Kontrolle solches abweichenden Verhaltens im Nachhinein Unannehmlichkeiten hervorbringen. Man könnte Tauschbeziehungen eingehen. Jedoch lassen sich nur eine begrenzte Anzahl solcher aktiven Tauschbeziehungen gleichzeitig aufrechterhalten.
Barry Wellman stellte die These auf, dass viele nützliche Ressourcen über das Kapital sozialer Unterstützung aktiviert werden.
Persönliche Netzwerke werden somit zum sozialen Kapital. Nordamerikaner gebrauchen ihre interpersonalen Beziehungen, um eine Vielzahl ihrer Bedürfnisse zu decken: emotionale Unterstützung, materielle Hilfe (Gebrauchs- und Verbrauchsgüter, Dienstleistungen oder Geld), Information und Kameradschaft. (Wellman 1996, S. 1f.)